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Mexico. Ciudad Juarez,
Ocampo 646 NTE. Y Canal, eigentlich eine ganz normale Adresse - fuer die
Luftwaffe jedoch nicht. Dahinter versteckt sich die wohl bekannteste
"Betreuungseinrichtung" fuer deutsche Soldaten im Ausland, naemlich der
"Deutsche Club - Rainer Palast" mit Inhaberin Mama Amparo Kluber Le Roy.
Im 10 000 Kilometer entfernten kuehlen Deutschland kursierten gerade im
betroffenen FlaRak-Bereich seit geraumer Zeit die wildesten Geruechte:
"Mama ist gestorben", "die hat doch schon lange dichtgemacht" usw. Ob
diesen Spekulationen glauben geschenkt werden kann, erschien mir jedoch
aeusserst fragwuerdig.
Vor einigen Jahren
hatte ich schon die Gelegenheit, die beruehmt-beruechtigte Institution in
Mexico aufzusuchen. Von den Erzaehlungen, die mir ueberliefert wurden, war
ich auf einiges vorbereitet, doch was ich an diesem Abend dann zu
Gesicht bekam, versetzte mich in voellige Sprachlosigkeit.
In gebueckter Haltung
betraten wir durch das kleine Tor das Etablissement. Ich benoetigte ein
paar Sekunden, um mich an das schummerige Licht zu gewoehnen. Auf der
linken Seite ist die fuenf Meter lange Theke mit der beruehmten Pissrinne
fuer die bequemen maennlichen Wesen, die in ihrem alkoholisierten Zustand
den schweren Gang auf die Toilette sowieso nicht mehr geschafft haetten.
Dahinter steht "Mama", eine kleine runzelige Gestalt, deren Alter kaum
auszumachen ist.
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Eine der vielen Katzen
laeuft ueber den Tresen, springt gekonnt über Plastikbecher und
Bierflaschen hinweg und landet auf den Armen von Mama. "Nimm`s
ganz locker", sagte ein Bekannter, der mich begleitete, "und trink den
Special". Ich willigte ein. Das Mixgetraenk, bestehend aus mehreren
hochprozentigen Schnaepsen und Sirup, bekam ich kurzerhand spaeter in
einem Plastikbecher serviert. Ich wollte gerade den Halblitertopf
ansetzen, da wurde ich von meinem Begleiter noch auf etwas hingewiesen.
"Pass auf, das ist eine harte Mischung, saumaessig suess, und schau noch ob
keine Kakerlake im Becher rumschwimmt." Ich stutzte ein wenig, vertraute
ihm und vergewisserte mich. Das Zeug schmeckte ekelhaft, ich schwenkte
postwendend ueber zum Bier, dem mexikanischen Corona - mittlerweile auch
ein In-Getraenk in unseren Breitengraden.
Bei genauerer
Betrachtung der Theke verstand ich auch die Warnung meines
Fremdenfuehrers. Die putzigen Insekten krabbelten zuhauf munter auf dem
Holz herum und verschanzten sich in den Plastikbechern, bevor sie von
einer herunterstuerzenden Bierflasche zerquetscht wurden. Der Laden war
mittlerweile brechend voll. Ich schaute mich um, nur deutsche Soldaten.
Mexikanerinnen und ein paar Amerikaner. Ein Landsmann von Mama kam zur
Tuer herein und wurde im selben Augenblick wild gestikulierend von ihr
wieder vor die Tuer gesetzt: Eintritt nur fuer Deutsche, Amerikaner auf
Einladung von Deutschen und für huebsche Senioritas. Ein Grundsatz der
Inhaberin, von dem sie nicht abweicht. Denn hier werden die
"Deutsch-mexikanischen Beziehungen" in jeglicher Hinsicht gefoerdert.
Ungleichheiten gab es nur bei der Bezahlung.
Da wurde der deutsche
Gast klar bevorzugt. Ihn kostete das Bier 1$, die Dame zahlte das
Doppelte (bei allen Getraenken). Mit den mexikanischen Schoenheiten, die
meist recht knapp bekleidet sind, kommt man automatisch ins Gespraech.
Sie kaemen aus einem guten Elternhaus und haetten Anstand, versicherte die
Besitzerin. Das Ziel der Damen liegt auf der Hand : Durch eine Beziehung
mit einem Deutschen sind die Chancen enorm gestiegen, dem Elend Mexikos
zu entfliehen. Meistens sind die Beziehungskisten aber zum
Scheitern verurteilt - spaetestens wenn der Soldat wieder nach
Deutschland zurueckkehrt. Doch Ausnahmen bestaetigen die Regel.
Bei einem Besuch an der
Raketenschule der Luftwaffe in El Paso im Fruehjahr des letzten Jahres
entschied ich mich, der Sache auf den Grund zu gehen. Zusammen mit einem
Freund, der der spanischen Sprache maechtig ist, machte ich mich erneut
auf den Weg nach Juarez.
Das riesige
Vorhaengeschloss beantwortet uns gleich die wichtigste Frage: Der
Deutsche Club ist geschlossen. Wir waren aber hartnaeckig und klopften
bis Mama kam. Sie machte sofort auf, laechelte und bat uns einzutreten.
Wir nahmen die Einladung dankend an. "Ich bin jetzt 69 Jahre alt, es
reicht", verkuendigte sie uns, ohne dass wir eine Frage gestellt haben.
Ihre zweite Tat war und ist weiterhin ein alter Trick von ihr: Sie
Verteilt prompt ihre Visitenkarte, die Adresse des Touristenbueros und
klaert uns auf, wo wir am besten und billigsten Cowboystiefel erwerben
koennten.
Durch meinen
Uebersetzer
habe ich dann die ganze Geschichte der Mama Amparo Kluber Le Roy
erfahren. Ihre Großeltern waren Deutsche, die nach Mexiko auswanderten.
1951 eroeffnete sie ihre Kneipe und arbeitete unter anderem im
horizontalen Gewerbe. 1963 kamen die ersten Deutschen nach El Paso -
das Aufbaukommando der Raketenschule. An freien Abenden vergnuegten sich
diese im angrenzenden Juarez. Rainer war einer von ihnen, den Mama
kennenlernte und sofort in ihr Herz aufnahm. "Ich habe ihn sehr gemocht
und meinen Laden nach ihm benannt." Rainer heiratete auch eine
Mexikanerin. Aus ihrer Vorliebe zu Deutschen macht sie keinen Hehl. "Ich
habe gelebt, um den Jungs zu helfen, alle Deutschen brauchen Mama in
diesem Land", laesst sie mich wissen. Auch jetzt sind sie noch herzlich
willkommen, allerdings ohne Schnaps, Bier und Frauen. Mama hat Anfang
`92 ihre Alkohollizenz abgegeben und geniesst nun das Rentnerdasein.
"Mexiko nix mehr gut, Drogen, Banditos, ein Uhr alles zu", fuehrt sie als
weitere Gruende auf. Mit ihren Beziehungen hat sie angeblich so manchem
Soldaten aus der Klemme geholfen, sei es bei Konflikten mit der
mexikanischen Polizei oder wenn nur ein Taxi spaet in der Nacht nach El
Paso benoetigt wurde. Mama konnte man immer aufwecken, sie war stets fuer
ihre Soldaten zur Stelle.
Eine Adresse, die
wahrscheinlich noch lange im Gedaechtnis der FlaRak-Soldaten haften
bleibt.
Abschrift aus der Zeitschrift:
"Luftwaffe" 15. Januar 1993
R. Meints hat die Zeitschrift fuer uns
aufbewahrt.
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